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Lauffeuer:
Reinhard
Deichgräber: Dehnübungen
Kein vernünftiger Mensch läuft einfach drauf los.
Vor dem Start zu den kleinen und großen Volksläufen oder gar den
berühmten Marathons sieht man überall die Läuferinnen und Läufer stehen
und sich dehnen.
Ich mache es auch so. Vorsichtig dehne ich meine
Glieder, linkes Bein, rechtes Bein, beide Beine, Arme links und rechts,
Rumpf und Hals, linke Flanke, rechte Flanke. Manche Leute machen das
ganz mechanisch; es soll gut sein, also macht man`s. Mir ist das zu
unlebendig. So versuche ich, die Dehnübungen achtsam und aufmerksam zu
machen.
Ich spüre in meine Glieder hinein, spüre die Kraft,
spüre die Spannung, spüre die Lockerheit, die ich im Loslassen der
Spannung gewinne. Ich denke an meine Katze. Sieht man ihr nicht an, wie
gut es ihr tut, wenn sie sich räkelt? Ich genieße das Dehnen.
Vor allem spüre ich, wie jede Dehnung einen
kräftigen Einatemimpuls nach sich zieht. Und mit dem Atem spüre ich das
Leben, die Lebenskraft. Ich weiß, für den Lauf, der gleich beginnen
wird, brauche ich viel Luft, den berühmten langen Atem. Der Atem ist
mein wichtigstes Kapital, das Atemvolumen wichtigste Vorrausetzung für
Ausdauer und Schnelligkeit.
Wenn ich meine Übungen aufmerksam mache, ist der
Körper nicht mehr mein Gegenüber, ist nicht mehr wie ein Rennpferd, auf
dem mein Wille als Jockey sitzt, der dann das arme Pferd zur
Höchstleistung treibt und peitscht. Es ist nicht mehr der Körper, den
ich habe, sondern der Körper, der ich bin.
Und ein Geschenk empfange ich durch das Üben der
Achtsamkeit: ich bekomme ein gutes Gespür für meine Kräfte, für das, was
ich heute draufhabe oder eben auch nicht. Ich werde mich bei meinem Lauf
weder überfordern noch mich hängen lassen. Ich werde bis an meine
Grenzen gehen, aber nicht darüber hinaus. Ich werde mich herausfordern,
aber ich werde mir keine Gewalt antun. Und wenn das so ist, dann wird
die Freude mein Begleiter sein. Ach, in was für verbissene Gesichter
sieht man bei manchen Läufern! Dabei macht die Verbissenheit niemanden
auch nur eine Zehntel schneller.
Plötzlich ist das Laufen mehr als nur Sport und
Gesundheitsübung. Laufen ist Leben! Denn auch in meinem Leben ist dies
alles wichtig: das Gefühl für die eigenen Grenzen, mit den eigenen
Grenzen versöhnt sein, es sich nicht zu leicht zu machen, es sich aber
auch nicht zu schwer zu machen. Identisch sein mit dem, was ich tue,
Dehnung sein, Lauf sein, Atem sein – und bei allem,
was ich tue, wissen: Laufen ist ein Geschenk, jedes menschliche Tun ist
ein Geschenk, das ganze Leben ist ein Geschenk und sogar das Sterben.
Darum dehne ich mich nicht nur vor einem Lauf – es
ist immer Zeit zum Weitwerden, zur Streckung, die den Atem weckt, zu
einem Leben, in dem die Freude regiert. Ich suche sie immer wieder, die
kleinen, kurzen Augenblicke der Sammlung, in denen ich für einen Moment
gar nichts mache, die Augen schließe, meine Glieder strecke und ruhig
atmend dem Wesentlichen in mir Raum gebe. Und was ist das Wesentliche?
Dass ich spüre, wie Gott in mir lebt, wie er in mir atmet, wie er mich
weitet und befreit, wie er mich fordert, ohne mich zu überfordern. Und
dann bin ich wie jener erste Mensch, von dem die Bibel erzählt, bin
Adam, dem Gott selbst dem Lebensodem gab, und mit dem Atem alles, aber
auch wirklich alles, was wir unbedingt zum Leben brauchen: Freude,
Kraft, Zufriedenheit, Klarheit und Orientierung. Und dann kann es
getrost heißen: „Auf die Plätze – fertig – los!“
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